Webinar: Feministische Netzwerke: Advocacy mit Ausdauer

Im Rahmen des von PeaceWomen Across the Globe veranstalteten Webinars «Leveraging feminist networks for advocacy» (Feministische Netzwerke für Advocacy nutzen) teilten drei inspirierende und erfahrene Aktivistinnen ihre Erkenntnisse über die Rolle von feministischen Netzwerken in der Advocacy-Arbeit. Rabab Baldo (Sudan), Uma Mishra-Newbery (Schweiz) und Karen Tañada (Philippinen) verfügen zusammen über jahrzehntelange Erfahrung im feministischen Engagement, geprägt von unterschiedlichen Kontexten und Werdegängen.

Hier sind einige der Empfehlungen und Erkenntnisse der Frauen aus dem Webinar, das im November 2025 stattfand. Sie zeigen auf, wie isolierter Widerstand zu kollektiver Kraft wachsen kann und dabei in feministischer Solidarität verwurzelt bleibt.

1. «Sei bereit zu handeln, wenn sich die Tür öffnet»

Die Frauen waren sich einig: Es sei unrealistisch, auf eine Einladung zum Verhandlungstisch zu warten – denn in der Realität bleibt die Einladung an Frauen aus. Rabab Baldo ist Expertin für Gender und Inklusion und seit 1990 als Friedensaktivistin tätig. Sie beschrieb, wie sich eine Koalition aus 26 Frauennetzwerken mobilisierte, um an den geplanten Waffenstillstandsverhandlungen im anhaltenden bewaffneten Konflikt im Sudan teilzunehmen. Frauen waren von den von Männern und Militärs dominierten Verhandlungen ausgeschlossen worden.

Ihre Strategie bestand darin, neun Schlüsselländer zu identifizieren, welche die Konfliktparteien unterstützen, und gezielte Pendeldiplomatie mit konkreten Appellen zu betreiben. «Die Teilnahme an politischen Dialogen erfolgt immer sehr kurzfristig und erfordert Vorbereitung. Wir haben dies seit Kriegsbeginn getan, sodass wir bereit waren, loszulegen, als sich die Tür öffnete.»

Rabab betonte, dass diese Einsatzbereitschaft grosse Anstrengungen erfordert, insbesondere, um die Anforderungen von 26 verschiedenen Netzwerken zu harmonisieren. Innerhalb der Gruppen und zwischen den Netzwerken diskutierten die Frauen Strategien, lernten aus Fehlern und verfeinerten ihre gemeinsame Strategie ständig. Ihr wichtigster Ratschlag? Die Vielfalt – über Alter, Herkunft und politische Zugehörigkeiten hinweg – begrüssen und sich zu einer kohärenten Kommunikation verpflichten, damit alle vorbereitet sind, wenn sich eine politische Gelegenheit bietet.

2. Advocacy muss verschiedene Formen annehmen

Advocacy-Arbeit sei eher mit einem Marathon als mit einem Sprint vergleichbar, sagte Uma Mishra-Newbery, feministische Strategin und Mitbegründerin der Substratum Initiative, die Jugendbewegungen unterstützt. Sie berichtete von der Kampagne #FreeLoujain, die sich für die Freilassung der saudischen Menschenrechtsaktivistin Loujain al-Hathloul einsetzte. Die saudische Frauenrechtsaktivistin wurde mehrfach verhaftet und inhaftiert, weil sie gegen das Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien protestierte. Die Kampagne startete mit einer Bestandsaufnahme der Stärken von sechs Organisationen aus den Bereichen Recht, Medien und Diplomatie. Gleichzeitig nutzte sie die kollektive Kraft aller Beteiligten, um die Wirkung zu verstärken. «Von Anfang an war uns klar, dass es hier nicht nur um die Freiheit einer einzelnen Frau ging, sondern um die kollektive Sichtbarkeit und Sicherheit aller inhaftierten Menschenrechtsverteidigerinnen.»

Die Lehre aus dieser Advocacy-Kampagne: «Sich für eine Person einzusetzen, bedeutet immer, sich für viele einzusetzen.» Kampagnen wie diese verhelfen den Menschen zu mehr Aufmerksamkeit, die für ähnliche Anliegen kämpfen, aber allein nicht die gleiche Sichtbarkeit erreichen können.

Advocacy «lebt nicht nur in politischen Positionspapieren», sagte Uma, sondern auch in der Kultur und in der Vorstellungskraft. Gemeinsam mit Loujains Schwester hat sie ein Kinderbuch mit dem Titel «Loujain Dreams of Sunflowers» geschrieben, um den Kampf für Frauenrechte in Saudi-Arabien greifbar und persönlich zu machen und ein Publikum ausserhalb politischer Kreise zu erreichen.

«Fürsorge ist eine Form der politischen Strategie», sagte sie. Während langer Kämpfe diene sie als «Kitt, der uns zusammenhält». Durch regelmässige «Check-ins» zum Wohlbefinden, Sicherheitsprotokolle und Rotationspläne stärken Netzwerke ihre Ausdauer – besonders, wenn die globale Aufmerksamkeit nachlässt.

3. Gräben überbrücken sichert langfristig die Kraft

Die Stärke eines feministischen Netzwerks liegt in seiner Fähigkeit, breit gefächert, nachhaltig und in den lokalen Realitäten verankert zu sein, auch nach der Unterzeichnung von Friedensabkommen, sagte Karen Tañada, eine erfahrene Friedensaktivistin aus den Philippinen und Direktorin unserer Partner:in GZO Peace Institute.

Ihre Erfahrungen im Einsatz für das Friedensabkommen zwischen der philippinischen Regierung und der Moro Islamic Liberation Front verdeutlichen den strategischen Wert, verschiedene soziale Bewegungen zu vernetzen. Vorwiegend christliche Gruppen aus Manila wurden mit muslimisch geführten Organisationen in Mindanao verbunden, um Konsens und öffentliche Unterstützung für das Recht auf Selbstbestimmung aufzubauen. Die gemeinsamen Anstrengungen feministischer Netzwerke sicherten wichtige Bestimmungen im Abkommen, unter anderem zu Gender.

Sie fügte hinzu, dass Netzwerke, die sich nach einem politischen Erfolg oft auflösen, verwundbar werden, wenn es bei der Umsetzung zu Rückschlägen kommt. Die Herausforderung bestehe darin, «eine umfassende Perspektive auf den Frieden» aufrechtzuerhalten, um sicherzustellen, dass die feministischen Errungenschaften nicht verloren gehen, auch wenn die Netzwerkmitglieder bereits mit anderen Themen beschäftigt sind.

Wichtigste Erkenntnisse: Authentizität, Sorgfalt, Vielfalt – und Ausdauer

Die Diskussionsteilnehmer:innen benannten die einzigartigen Stärken der feministischen Netzwerke in der Advocacy-Arbeit:

  • Authentizität: Advocacy basiert auf persönlichen, gelebten Erfahrungen. Wie Rabab bemerkte: «Wenn man mitten im Feuer steht, spürt man es stärker als wenn man weiter davon entfernt ist.»

  • Die Kraft der Fürsorge: Die Fürsorge für sich selbst und andere, emotionale Unterstützung und Solidarität schaffen informelle Schutzsysteme.

  • Vielfalt als Superkraft: Vielfalt (Alter, Religion, politische Zugehörigkeit, usw.) ermöglicht es Bewegungen, isolierte Kämpfe zu erkennen und miteinander zu verbinden.

Advocacy muss auf Ausdauer ausgerichtet sein, nicht nur auf Dringlichkeit. Dafür ist es entscheidend, Vertrauen durch Dialog aufzubauen, Rückschläge zu akzeptieren und fokussiert zu bleiben. Angesichts der unerbittlichen Dringlichkeit und Isolation, die feministische Bewegungen an vorderster Front erleben, sind Reflexion und Fürsorge kein Luxus, sondern essenzielle politische Infrastruktur.

Die Diskussionsteilnehmerinnen betonten, wie wichtig es sei, Räume zu schaffen, in denen sich Feminist:innen, die unterschiedliche Identitäten und Visionen vertreten, treffen, diskutieren, sich verständigen und respektvoll unterschiedlicher Meinung sein können. Diese Orte der Bewusstseinsbildung und gegenseitigen Unterstützung sind die Grundlage für ethisches Handeln und kollektive Resilienz.

Unser Netzwerk Feminists Connecting for Peace bietet genau diese notwendigen Räume. In dem es Friedensaktivist:innen vernetzt und Räumen für Diskussionen und gegenseitiges Lernen bereitstellt, sorgt das Netzwerk dafür, dass Aktivist:innen Zeit und Raum haben, um innezuhalten, Strategien zu verfeinern, Komplexität zu bewältigen und wertvolle Unterstützung und Fürsorge zu erhalten.