Friedensprozesse:
Welche Bilder löst das Wort «Friedensprozesse» bei Ihnen aus? Stellen Sie sich jahrelange Verhandlungen vor, die in einer Zeremonie münden, an der die Konfliktparteien ein Abkommen unterzeichnen, gefolgt vom Foto des Händeschlags, das um die Welt geht? Wir haben dieses gängige Bild hinterfragt und dekonstruiert und uns vertieft mit Friedensprozessen und der Frage auseinandergesetzt: «Wie beeinflussen Frauen Friedensprozesse?»
Friedensprozesse verlaufen nie linear, sondern in Etappen oder Phasen, die sich oft überschneiden, ohne übersichtlichen Zeitplan. Ein Friedensprozess ist vielmehr ein Puzzle aus mehreren aufeinanderfolgenden kleinen Schritten als der grosse, minutiös durchgeplante Versuch einen Konflikt gemäss Handbuch zu beenden. Er kann in jeder Phase – auch nach der Unterzeichnung eines Friedensabkommens – aus dem Ruder laufen und Rückschritte erleiden.
Das Resultat unserer Auseinandersetzung mit der Frage, wie Frauen Friedensprozesse beeinflussen, ist eine graphische Darstellung der unterschiedlichen Stadien von Friedensprozessen. Damit rücken wir in den Mittelpunkt, welche Rolle Frauen und feministische Friedensaktivist:innen spielen und wo sie Einfluss nehmen, um Friedensprozess anzutreiben und Rückschritte zu verhindern.
Wir diesem Instrument wollen wir diese Komplexität aufzeigen, ohne den Anspruch zu haben, ein universell anwendbares Modell darzustellen. Vielmehr soll sie Fragen aufwerfen, analytische Debatten ermöglichen und anregen, die gängigen Narrative mit feministischen Visionen zu ergänzen.
Wie beeinflussen Frauen und feministische Friedensaktivist:innen Friedensprozesse?
Die Einflussnahme von Frauen und feministischen Friedensaktivist:innen und ihre Rollen in einem Friedensprozess – in der Grafik stehen sie im Mittelpunkt – sind ebenso divers, wie sie selbst. Sie sind nicht nur Verhandler:innen, Mediator:innen, Unterzeichner:innen und Begleiter:innen in Friedensverhandlungen. Aus unserer langjährigen Erfahrung und der Begleitung unserer Partner:innen und Friedensaktivist:innen in unterschiedlichen Kontexten wissen wir, dass Frauen und feministische Friedensaktivist:innen in allen neun Phasen diverse Rollen einnehmen:
Im (relativen) Frieden oder in angespannten Kontexten (Stadien 1-2) – am Beispiel der Schweiz und Brasilien – beeinflussen sie die politischen Debatten und Agenden, erkennen gewaltvolle Konfliktpotentiale und verhindern aktiv das Aufkommen von Spannungen und Zusammenstössen oder Gewaltausbrüche.
Während eines bewaffneten Konflikts (Stadien 3-4) – am Beispiel der Ukraine oder Palästina und Israel – stehen sie für eine gewaltfreie Konflikttransformation ein und fordern Friedensverhandlungen und die Aufgabe von Feindbildern. Sie betreiben Anlaufstellen für Opfer/Überlebende, schaffen Vertrauen zwischen den Konfliktparteien, und fördern mehrheitsfähige Friedensabsichten.
Während den formellen Verhandlungen (Stadien 5-7) – am Beispiel von Kolumbien oder dem Sudan – fordern sie die Inklusion von diversen Visionen und die Teilnahme von Frauen und feministischen Friedensaktivist:innen an den Gesprächen und formulieren geschlechtergerechte Bestimmungen.
Nach dem Ende eines bewaffneten Konflikts (Stadien 8-9) – am Beispiel von Nepal und den Philippinen – sind sie massgeblich bei der Beobachtung der Umsetzung beteiligt, gewinnen Mehrheiten für den Frieden und nehmen eine aktive Rolle in Wahrheitsfindungsprozessen ein. Sie leiten Initiativen zur Wiederversöhnung und stossen den strukturellen Wandel an, indem sie eine kritische Auseinandersetzung mit Tabuthemen und die Nicht-Wiederholung fordern.
In allen Phasen und in unterschiedlichen Kontexten begleiten wir die vielfältige Friedensarbeit von Frauen und feministischen Friedensaktivist:innen auf der Grundlage von Vertrauen, Solidarität und Inklusivität und berücksichtigen dabei die spezifischen Bedürfnisse und Risiken. Wir sind überzeugt, wenn wir die Wege zum Frieden gemeinsam mit betroffenen Frauen und feministischen Friedensaktivist:innen gehen, werden diese zwar nicht leichter, aber vielleicht kürzer.
Dank unserer Erfahrung in den drei Tätigkeitsbereichen können wir unsere Partner:innen längerfristig und strategisch begleiten, um inklusive Friedensprozesse zu erwirken und Rückschritte zu verhindern. Wir wirken in unseren Programmen dabei als finanzielle Brücke, Beraterinnen und Verbündete, stärken die Kapazitäten unserer Partner:innen und fördern den Austausch zwischen Friedensaktivist:innen und Frauenorganisationen in den verschiedenen Kontexten.
Die Illustration und den Text, die wir als Handout vorbereitet haben, können Sie unten auf dieser Seite herunterladen.