Feminist Peace Initiative:Israel-Palästina: Den feministischen Dialog weiterführen
Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt kamen jüdisch-israelische und palästinensische Feministinnen mit israelischer Staatsbürgerschaft zusammen, um über die vergangenen Jahre nachzudenken, Analysen auszutauschen und sich alternative, gewaltfreie Zukunftsvisionen vorzustellen. Vor dem Hintergrund des seit zwei Jahren andauernden verheerenden Krieges gegen den Gazastreifen und des anhaltenden regionalen Konflikts im Nahen Osten waren die Diskussionen oft schwierig und schmerzhaft. Sie führten die Teilnehmenden jedoch auch zu der Erkenntnis, dass Räume für feministische politische Diskussionen «kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit» sind. Wir haben dieses Treffen im Rahmen unserer Feminist Peace Initiatives unterstützt.
Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich meine Worte nicht sorgfältig abwägen. Ich konnte einfach sagen, was ich denke, in meiner eigenen Sprache, ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie es ankommen würde. Das fühlte sich wie ein Geschenk an.
— Eine Teilnehmerin
Nach mehreren Verschiebungen aufgrund der anhaltenden bewaffneten Gewalt versammelten sich 120 jüdisch-israelische Frauen und palästinensische Frauen mit israelischer Staatsbürgerschaft zur Konferenz «Feministischen Frieden in Zeiten von Völkermord und Faschismus voranbringen». Die Konferenz fand am 17. Mai 2026 in Nazareth, der grössten Stadt mit palästinensischer Mehrheit innerhalb Israels, statt. Sie wurde von den Organisationen Isha L'Isha – Haifa Feminist Center und Women Against Violence initiiert und in Zusammenarbeit mit Partner:innen wie Al-Tufula, Tandi, Tishreen und New Profile geleitet.
An der Konferenz versammelten sich feministische Aktivistinnen, Menschenrechtsverteidigerinnen, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Anwältinnen, Künstlerinnen sowie Frauen in lokalen Führungspositionen aus palästinensischen und jüdischen Gemeinschaften. Sie fand auf Arabisch und Hebräisch in einem Rahmen statt, der die nötige Sicherheit bot, um sich frei und ohne Selbstzensur auszutauschen. Die Diskussionen reichten von kritischer feministischer Reflexion über politische Analyse bis hin zu künstlerischem Ausdruck und zukunftsorientiertem Dialog.
«Frieden» ohne feministische Perspektiven
Der palästinensisch-israelische Konflikt befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt, da institutionelle Akteure unter Ausschluss von Perspektiven und Beteiligung von Frauen und Feministinnen über die Bedingungen des «Friedens» verhandeln. Gelegenheiten für Palästinenser:innen und Israelis, einen sinnvollen Dialog zu führen, der auf gelebter Erfahrung, gegenseitiger Fürsorge und politischer Rechenschaftspflicht basiert, sind in den letzten zehn Jahren immer seltener geworden – umso mehr nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden israelischen Militäroffensive gegen den Gazastreifen.
Seitdem sind politische Organisation und Aktivismus in Israel von einer zunehmenden Zersplitterung und Polarisierung geprägt. Feministischen Aktivist:innen, die sich für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung einsetzen, bleiben nur noch wenige kollektive Räume, um über die vergangenen Jahre zu reflektieren, Analysen auszutauschen und sich alternative Zukunftsvisionen vorzustellen. Feministische Kämpfe, vor allem solche, die nationale, ethnische und politische Grenzen überschreiten, werden von vielen in Israel eher als Bedrohung denn als Notwendigkeit wahrgenommen.
Während des Treffens wurde deutlich, dass palästinensische Frauen vor grossen Herausforderungen stehen, wenn es darum geht, den Dialog mit jüdisch-israelischen Frauen aufrechtzuerhalten – insbesondere angesichts des zunehmenden Autoritarismus und der anhaltenden Diskriminierung der Palästinenser:innen in Israel. Gleichzeitig rückte der unterschiedliche Standpunkt der jüdisch-israelischen Frauen als Angehörige einer Besatzungsmacht deutlich in den Fokus. Dieser Standpunkt stand im Gegensatz zu dem der palästinensischen Frauen in Israel und anderswo, die sowohl geschlechtsspezifische Unterdrückung als auch die kollektive Unterdrückung ihres Volkes erleben.
Meinungsverschiedenheiten und schmerzhafte Fragen
Schwierige und manchmal schmerzhafte Fragen wurden aufgeworfen. Meinungsverschiedenheiten darüber, was einen feministischen Raum in einer solchen Zeit der Gewalt und Polarisierung eigentlich ausmacht, kamen zutage. Und doch zweifelten die Teilnehmenden nicht an der Notwendigkeit, einen solchen Raum zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Eine palästinensische Teilnehmerin sagte: «Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich meine Worte nicht sorgfältig abwägen. Ich konnte einfach sagen, was ich denke, in meiner eigenen Sprache, ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie es ankommen würde. Das fühlte sich wie ein Geschenk an.»
Dieses Treffen erreichte folgende Ziele:
einen inklusiven feministischen Raum für Dialog, kritische Reflexion und gemeinsames Lernen schaffen, der das Engagement von Frauen in der Friedensförderung unterstützt.
die feministische Solidarität und Zusammenarbeit zwischen palästinensischen Feministinnen mit israelischer Staatsbürgerschaft und jüdisch-israelischen Feministinnen, die sich für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und den Widerstand gegen autoritäre und ausgrenzende Praktiken einsetzen, stärken.
vielfältige feministische Stimmen verstärken, die sich für ein gemeinsames Leben und eine miteinander verbundene Zukunft, gegenseitige Anerkennung sowie soziale und politische Gerechtigkeit einsetzen und damit den zivilgesellschaftlichen Diskurs für einen zukünftigen feministischen Frieden beeinflussen.
«Die Konferenz hat deutlich gemacht, dass die Diskussion darüber, was Frieden bedeutet – und was sich grundlegend ändern muss, um ihn zu erreichen –, noch lange nicht beendet ist», sagte eine Teilnehmerin. «Wenn überhaupt, dann haben die Tiefe der Diskussionen und der grosse Wunsch der Teilnehmenden, diese fortzusetzen, noch einmal unterstrichen, dass ein solcher feministischer politischer Raum kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist.»
Ein breiteres Publikum erreichen
Ein Buch auf Hebräisch und Arabisch wird die Schlussfolgerungen der Frauen sowie die feministischen Stimmen und Analysen, die an der Konferenz entstanden sind, zusammenfassen, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Das Treffen legte zudem eine solide Grundlage für den Kurs «Friedensförderung für Frauen» von Isha L’Isha (Sommer 2026). Bis zu 20 Frauen mit unterschiedlichem Hintergrund werden ihr feministisches Wissen und ihr Verständnis für analytische Instrumente in Friedensprozessen vertiefen. Langfristig betrachtet trug das Treffen zum Wiederaufbau einer feministischen politischen Infrastruktur bei, und zwar in einer Zeit, in der solche gemeinsamen Räume immer kleiner werden. (Juli 2026)
Die Konferenz hat deutlich gemacht, dass die Diskussion darüber, was Frieden bedeutet – und was sich grundlegend ändern muss, um ihn zu erreichen –, noch lange nicht beendet ist. Wenn überhaupt, dann haben die Tiefe der Diskussionen und der grosse Wunsch der Teilnehmenden, diese fortzusetzen, noch einmal unterstrichen, dass ein solcher feministischer politischer Raum kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist.
— Eine Teilnehmerin
Relevante Beiträge:
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FriedensFrauen Weltweit ist eine international tätige feministische Friedensorganisation, die Frauen und feministische Friedensakteur:innen in Kontexten, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind, in ihren Bemühungen um nachhaltigen Frieden unterstützt.
FriedensFrauen Weltweit ist eine international tätige feministische Friedensorganisation mit Sitz in Bern, Schweiz. Wir unterstützen Frauen in konfliktbetroffenen Kontexten bei ihren vielfältigen Bemühungen um den Aufbau eines dauerhaften Friedens.
Unsere Geschichte beginnt mit einer mutigen und visionären Idee: 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis nominieren, um der weltweiten Friedensarbeit von Frauen mehr Sichtbarkeit und Anerkennung zu verschaffen.