Valentina Cherevatenko: «Wir wollen Frieden»

«Ich musste mein Herz und meine Seele verschliessen, um zu arbeiten.» Valentina Cherevatenko, russische FriedensFrau, Menschenrechtsverteidigerin und Mitglied von Women’s Initiatives for Peace in Donbas(s) beschreibt ihre Verzweiflung nach dem russischen Angriffskrieg.

So vor allem auch als Mitglied des Koordinationsteams von Women’s Initiatives for Peace in Donbas(s)*. WIPD ist eine Plattform von mehr als 50 Frauen aus Russland, der Ukraine und Deutschland, die 2015, im Zuge der russischen Annektierung der Krim, gegründet wurde. Nach dem 24. Februar mussten sich die WIPD-Frauen auf beiden Seiten der Frontlinie schwierigen Fragen stellen. Im Laufe ihrer Diskussionen und öffentlichen Auftritten – so auch im Mai in Bern – seien sie «immer ruhiger und zuversichtlicher» geworden. Heute stehen sie weiter gemeinsam für Frieden und gegen Gewalt ein. Der Leitspruch der Frauen bleibt: «Nichts für uns, ohne uns!»

Was waren deine Gefühle, deine Gedanken, am 24. Februar als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann?

Ich glaube nicht, dass meine Gedanken oder Gefühle an diesem Tag anders waren als die von Millionen von Menschen in meinem Land. Ich spreche natürlich von denen, die verstanden haben, was am frühen Morgen des 24. Februar begonnen hat. Meine Gedanken und mein Kopf arbeiteten pausenlos, 24 Stunden am Tag. Es war mir wichtig, die Antwort auf die Frage «Was tun? Was kann ich und was muss ich tun?» zu finden. Die Frage «Wer hat Schuld?» war für mich damals nicht aktuell.

Mit den Gefühlen war es wesentlich komplizierter. Der Schmerz und die Verzweiflung waren so stark, dass sie alle anderen Gefühle blockiert haben. In diesem Zustand kann man aber kaum effizient handeln. Ich musste mir grosse Mühe geben, mein Herz und meine Seele zu verschliessen, um zu arbeiten, um nur zu arbeiten, um viel zu arbeiten. Weil damals, wie ich glaube, niemand auch nur die geringste Ahnung hatte, was zu tun war. Niemand hatte eine Vorstellung davon, wie man handeln sollte.

Warst du überrascht?

Das, was geschehen ist, hat alle überrascht. Wahrscheinlich liegt es an der Eigenschaft aller Menschen, das Schlimmste nicht glauben zu wollen und auf das Beste zu hoffen. Und das obwohl in den letzten Jahren immer öfter Aussagen und Botschaften zu hören waren, deren Inhalte ganz klar die Absichten eines Landes gegenüber dem anderen Land zeigten. Trotzdem wollte absolut niemand an die Möglichkeit eines Krieges glauben, auch ich nicht.

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf Russinnen und Russen?

Das ist eine sehr komplizierte Frage. Laut offizieller soziologischer Statistik unterstützen 85% der Russinnen und Russen die Invasion in die Ukraine. Ich gehöre zu denen, die der offiziellen Statistik und der Soziologie nicht trauen. Und meine Einstellung ist nicht emotional. Sie entstand lange vor den heutigen Ereignissen. Sie haben meine Einstellung zu den Informationen, die man an uns nicht einfach weiterleitet, sondern uns auch aufbindet, weiter gestärkt. Fakt ist jedoch, dass die Invasion der russischen Militärkräfte auf das Territorium des Nachbarlandes die Menschen in meinem Land praktisch in zwei gleich grosse Gruppen gespalten hat. Ich verstehe aber, dass es nicht einfach ist, einen so grossen Anteil an Anhängern von rechtswidrigen und offensichtlich aggressiven Handlungen zu halten. Wir sehen, wie die Machthaber beinahe wöchentlich andere Propagandaaussagen machen und diese mit Unterdrückungsgesetzen, dem Gerichtssystem und bewaffneten Strukturen bekräftigen.

So erlebt jeder Mensch in Russland diese Achterbahn von Sorgen und Bedenken, hat sie in der Vergangenheit schon erlebt oder wird sie weiter erleben. Jeder wird früher oder später seine Wahl treffen müssen und ich glaube, dass sie nicht auf Krieg fällt.

Was sind die Auswirkungen auf die Mitglieder und die Arbeit von WIPD?

Die WIPD ist seit acht Jahren aktiv. Das bedeutet, dass der Krieg für einen Teil der Mitwirkenden nicht am 24. Februar, sondern schon 2014 begann. Nach dem 24. Februar hat sich die Situation aber von Grund auf sowohl für diejenigen verändert, die sie erstmalig 2014 wahrgenommen hatten, als auch für alle unsere ukrainischen und russischen Kolleginnen. Wir mussten alle die Fragen beantworten, wer wir sind, wo wir stehen, ob wir auf dem Weg zurück oder auf dem Weg zum Frieden sind, ob wir bereit sind, gemeinsam nach diesem Weg zu suchen. Und das war sehr schwierig. Uns war aber klar, dass diejenigen den Anfang machen werden, die glauben, und dass sich später die Zweifelnden und erst danach diejenigen anschliessen werden, für die ein Gespräch mit dem Feind heute nicht möglich ist. Und wir alle standen auf einmal auf verschiedenen Seiten von Barrikaden, und zwar Barrikaden im Wortsinn. Heute sind wir aber alle hier. Wir sind zusammen. Das heisst, wir haben es geschafft!

Einige der Mitglieder von WIPD haben sich seit dem Kriegsbeginn im Mai erstmals physisch in Bern getroffen. Wie war das erste gemeinsame Treffen?

Wir haben uns nicht einfach nur getroffen, wir traten auch auf verschiedenen Plattformen vor verschiedenen Zuhörern auf. Und ich konnte spüren, wie wir uns jedes Mal veränderten, wie sich unsere Rhetorik veränderte. Wie wir immer ruhiger und zuversichtlicher wurden. Wir konnten wieder zu dem Wichtigsten zurückkehren: Wir halten zusammen! Wir sind gegen Gewalt! Wir wollen Frieden! Und vor allem: Nichts für uns, ohne uns!

Am Anlass in Bern sagtest du: «Ich bin ein ‹peacemaker› und gegen jede Art von Gewalt. Ich habe während der Diskussionen mit der Zivilgesellschaft über Waffenlieferungen an die Ukraine selbst eine innere Krise durchlebt.» Kannst das bitte erläutern? Welche Reaktionen lösen die Forderungen nach Waffenlieferungen an die Ukraine bei dir aus?

Die Rolle der Friedensaktivist:innen, der «peacemaker», war immer schon sehr kompliziert. Das was wir machen, unsere Appelle für Frieden, für Dialog, für Verhandlungen, gefallen meistens nicht. Mitunter gefallen sie allen Seiten nicht. Bis zu einem gewissen Moment glaubt jede Seite, dass sie Recht und Macht hat. Bis zu einem gewissen Moment zählt niemand seine Gefallenen und Invaliden, niemand sieht die künftigen Herausforderungen des Landes und den Zusammenhang zwischen dem heutigen Geschehen und wie viele Menschen keine Zukunft mehr haben, wie viele Kinder nie zur Welt kommen werden.

Dabei verstehe ich meine Kolleginnen, die glauben, dass der Sieg am wichtigsten ist, egal um welchen Preis. Der Sieg ist das Ziel! Und um es zu erreichen, braucht man Waffen. Ich persönlich glaube aber nicht, dass Gewalt Frieden und Glück bringen kann, dass sich die Probleme von heute mit Waffen lösen lassen. Ich sehe andere Möglichkeiten für die Rückkehr zum Frieden, leider vertreten nur wenige Menschen diese Ansicht, und es gibt ganz wenige unter ihnen, die sich Politiker nennen. Das ist das Unheil unserer Zeit.

Vor dem 24. Februar 2022 sei WIPD eine Gruppe von Frauen gewesen, «die die Welt verändern und Frieden bringen wollte», sagtest du in Bern. Welches Ziel strebt WIPD jetzt an? Welche Rolle kann WIPD in der gegenwärtigen Lage spielen?

WIPD spielt jetzt schon eine Rolle. Kurzgefasst: Erstens, weil wir den Dialog fortführen. Und das bedeutet, dass der Hass, wenn auch nur ein Stückchen, kleiner wird. Zweitens leiten wir Informationen darüber weiter, dass es auf den beiden Seiten der Front Menschen gibt, die keinen Krieg wollen. Drittens wollen wir mit Bestimmtheit sagen, dass wir keine Kriegsopfer sind: Wir sind diejenigen, die weiterhin als Subjekte agieren und fordern, dass die Welt so wird, wie WIR sie sehen. Und wir werden uns dafür einsetzen. Wir haben unsere Plattform behalten, weil wir die grundlegenden Werte gefunden haben, die uns vereinigen. Zum Beispiel ist die Ukraine ein Staat, der ein Recht auf Leben und die Vision für seine Zukunft hat. Und darin sind wir uns einig! Wir unterstützen keine Aggression als Mittel zur Lösung von Problemen und Fragen.

Du sagtest auch, dass WIPD bereits vor dem 24. Februar die Vertretung von Frauen auf verschiedenen Seiten des Konflikts stärken wollte. Welche Chancen siehst du für die Partizipation von Frauen in der Friedensförderung und an eventuellen zukünftigen Friedensprozessen?

Auf verschiedenen Etappen hatte WIPD verschiedene Ideen bezüglich der Partizipation von Frauen in den Verhandlungsprozessen. Das bedeutet nicht, dass wir unbedingt am Verhandlungstisch sitzen müssen, obwohl auch das gemacht werden muss. Da wir aber eine Gruppe von aktiven Frauen sind, die in der echten Welt neben einfachen Menschen arbeiten, sehen wir die Probleme dieser Menschen anders als aus dem Fenster eines Luxuswagens. Unsere Aufgabe ist es, in erster Linie die aktuellen Bedürfnisse dieser Menschen den für Verhandlungen verantwortlichen Strukturen zu vermitteln und in zweiter Linie, ihre Entscheidungen und deren Umsetzung zu kontrollieren.

Du hast viel Arbeit geleistet im Bereich psychische Traumata von kriegs- und konfliktbetroffenen Menschen, so z.B. in Tschetschenien. Was erwartest du bezüglich Traumata in der betroffenen Gesellschaft in der Ukraine, im Donbas und auch in Russland? Was sollte getan werden, um diese Traumata zu heilen?

Leider wird die Gewaltwelle vom Schlachtfeld in die Familien zurückkehren, unabhängig davon, in welchem Teil des heutigen Kriegs sich die Menschen befinden. Daran muss man schon heute denken und mit der Arbeit beginnen. Ich denke immer daran, wie ich unsere Arbeitserfahrung in Tschetschenien und in meiner Stadt mit Viktor Efimovitsch Kogan, einem berühmten Psychotherapeuten und Psychologen, der damals in Sankt Petersburg lebte und arbeitete, geteilt habe. Wir waren mit derartigen Formen von Gewalt in Familien konfrontiert, dass wir ad hoc nach den Lösungen suchen mussten. Ihn hat sehr überrascht, was uns gelungen ist, auch dass wir einen sehr wichtigen Punkt verstanden haben: Jedes Familienmitglied eines Soldaten oder eines kriegführenden Menschen führt sein eigenes Leben, und wenn sie wieder zusammenkommen, versucht jeder von ihnen, seine Sorgen, Belastungen und Nöte mitzuteilen. Aber niemand ist bereit oder imstande zuzuhören, geschweige denn, dass man einander Gehör schenkt. Das ist durch das Erlebte bedingt. Dementsprechend gibt es Unzufriedenheit, Ärger, Alkohol, Drogen und andere Probleme. Das bringt die Gewalt zurück. Und das ist nur ein Teil des Problems.

Deswegen ist die Rückkehr eines traumatisierten Menschen und einer traumatisierten Gesellschaft zurück zum friedlichen Leben eine grosse Aufgabe. Man muss den Staat darauf aufmerksam machen und ihn dazu bringen, entsprechende Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Das sehe ich auch als unsere Aufgabe an.

Kurzbiografie:

Valentina Cherevatenko ist Gründerin und Vorsitzende der 1993 gebildeten Vereinigung der Frauen vom Don und Koordinatorin der Women’s Initiatives for Peace in Donbas(s)* WIPD, einer Plattform von mehr als 50 Frauen aus Russland und der Ukraine, die 2015 gegründet wurde. Das Ziel von WIPD ist es, Bedingungen für eine friedliche Transformation des Konflikts in und um der Donbas-Region zu schaffen. Die Gruppe umfasst Aktivistinnen aus beiden Ländern, Bewohnerinnen der nicht-staatlich kontrollierten Gebiete von Donezk und Luhansk, ukrainische Flüchtlinge in Russland und Vertreterinnen der internationalen Gemeinschaft. Sie ist langjährige Menschenrechtsverteidigerin und hat mehrere friedensfördernde Initiativen lanciert. So zum Beispiel im Kaukasus und in Tschetschenien. Dort richtete sich ihr Fokus auf Aktivitäten zur Friedenssicherung und zur Versöhnung zwischen tschetschenischen und russischen Menschen. Sie organisierte verschiedene Seminare, welche die Heilung psychischer Traumata der kriegsbetroffenen Menschen thematisierten und den Teufelskreis des Hasses durchbrechen sollten.

Sie war eine der 1000 Frauen, die 2005 für den Friedensnobelpreis nominiert wurden. FriedensFrauen Weltweit ist aus der Initiative «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis» hervorgegangen.

*Ukrainische Ortsnamen werden auf Russisch und Ukrainisch unterschiedlich geschrieben. Wir verwenden die ukrainische Schreibweise von ukrainischen Ortsnamen (also: Donbas, statt Donbass). WIPD umfasst Frauen aus beiden Ländern, weshalb die Organisation Donbas(s) so in ihrem Namen schreibt.