Inklusiver Prozess für nachhaltigen Frieden: Kolumbien

In Kolumbien setzen wir uns seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens für die Teilhabe von konfliktbetroffenen Frauen und marginalisierten Gruppen an dessen Umsetzung ein. Gemeinsam mit unseren Projektpartner:innen engagieren wir uns dafür, dass ihre Erfahrungen und Anliegen im Übergang zu einer nachhaltig friedlichen Gesellschaft miteinbezogen werden. 

Hintergrund

Das Ende 2016 unterzeichnete Friedensabkommen zwischen den FARC-EP (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia - Ejército del Pueblo) und der kolumbianischen Regierung sollte nach mehr als 50 Jahren einen der längsten bewaffneten Konflikte beenden, der das Leben von über 450’000 Menschen gekostet hat. Frauen waren mehrfach betroffen: Sie nahmen als Kombattantinnen der FARC am Kriegsgeschehen teil und erlebten zu Tausenden sexualisierte Gewalt von beiden Konfliktparteien. Der Krieg ist zu Ende, die Gewalt geht weiter.

Mit dem Friedensabkommen begann der Prozess, die Hauptursachen des Konflikts anzupacken: die ungleiche Landverteilung und politische Partizipation sowie den Handel mit illegalen Drogen. Das Friedensabkommen schuf das «Umfassende System für Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung», mit der Wahrheitskommission als eine von drei Institutionen, die für diesen Zweck geschaffen wurde. Die Wahrheitskommission nahm 2018 ihre Arbeit auf, die Ursachen des Konflikts aufzuzeigen und seine leidvolle Realität offenzulegen. 2022 beendete die Kommission ihre Arbeit mit der Überreichung ihrer Berichte. Die Zeit der Übergangsjustiz (Transitional Justice, aus dem Englischen) nach dem Abschluss des Friedensabkommens ist in Kolumbien, wie auch in den Projektländern Nepal und den Philippinen, eine entscheidende Phase, um die Rolle der Zivilgesellschaft im Aufbau einer friedlichen Gesellschaft zu sichern. 

Beteiligung von Frauen am Friedensprozess

Das kolumbianische Friedensabkommen ist ein internationales Musterbeispiel für die Inklusion von marginalisierten Bevölkerungsgruppen und für die Beteiligung von Frauen. Es ist weltweit das erste Friedensabkommen, das wirkungsvoll einen geschlechtsspezifischen Ansatz integrierte, und eines der fortschrittlichsten in Bezug auf die Rechte von Frauen und der LGBTIQ-Gemeinschaft. Die Frauen- und die LGBTIQ-Bewegungen spielten eine bedeutende Rolle für den Einbezug dieser Aspekte während der Friedensverhandlungen. 

Zu Beginn der offiziellen Gespräche in Havanna im Jahr 2012 waren nur 5% der Verhandlungsführer:innen weiblich. Dank der Mobilisierung und Lobbyarbeit von Frauenorganisationen wurde 2014 eine Unterkommission für Geschlechterfragen eingerichtet. Sie hatte unter anderem die Aufgabe, alle im Rahmen des Friedensprozesses publizierten Dokumente auf geschlechtersensible Formulierungen zu überprüfen und sicherzustellen, dass sie geschlechtsspezifische Bestimmungen enthalten. 2015 waren 20% der Mitglieder des Verhandlungsteams der Regierung und 43% der FARC-EP-Delegierten Frauen.

Gender-Aspekte abgeschwächt

Die Frauen- und LGBTIQ-Bewegungen konnten in verschiedenen Phasen des Friedensprozesses Einfluss nehmen. Dank ihnen integriert das Friedensabkommen einen geschlechtsspezifischen Ansatz und enthält ein ganzes Kapitel zum Thema Gender. Das Abkommen integriert ethnische und geschlechtsspezifische Perspektiven. So verweist es beispielsweise ausdrücklich auf das Recht von Frauen auf Landbesitz, enthält besondere Bestimmungen für die politische Beteiligung von Frauen und erklärt, dass es für Verbrechen der sexualisierten Gewalt keine Amnestie geben wird. 

Dieser geschlechtsspezifische Ansatz war im Vorfeld des Referendums über das Friedensabkommen, das im Oktober 2016 stattfand, sehr umstritten. Mit 50,2% stimmten die Stimmbürger:innen dagegen. Daraufhin unterzeichneten die kolumbianische Regierung und die FARC ein überarbeitetes Friedensabkommen, das vom Kongress im November 2016 ratifiziert wurde und den Konflikt somit beendete. Die Geschlechterperspektive und insbesondere die Rechte von LGBTIQ-Personen wurden infolgedessen im endgültigen Abkommen abgeschwächt.

Gewalt gegen Aktivist:innen geht weiter

Das Abkommen hat dennoch Vorbildfunktion. Doch bei der Umsetzung steht es vor grossen Herausforderungen. Die Gewalt hat in den ehemals von der FARC-EP kontrollierten Gebieten zugenommen. Die Ursachen: der zunehmende Drogenhandel, die Bildung krimineller Gruppen, der legale und illegale Bergbau und die anhaltende Präsenz bewaffneter und paramilitärischer Gruppen. Der kolumbianische Staat reagiert mit einer verstärkten Militärpräsenz in den umkämpften Gebieten. Diese neue Militarisierung führt zu anhaltenden bewaffneten Auseinandersetzungen, Massakern, neuen Vertreibungen, der Einschränkung des Bewegungsraums der Zivilbevölkerung und zu einer Zunahme von gezielten Tötungen und geschlechtsspezifischer Gewalt. Gerade Aktivistinnen, Akteur:innen der Zivilgesellschaft und Menschenrechtsverteidiger:innen agieren unter grosser Gefahr.

Unsere Projekte

Seit 2016 haben hunderte konfliktbetroffene Frauen an FrauenFriedensTischen teilgenommen, die wir gemeinsam mit unseren Projektpartner:innen Comunitar und Ruta Pacífica de las Mujeres, einer feministischen Netzwerkorganisation, durchgeführt haben. Sie füllten eine Lücke, die unsere Partnerinnen immer wieder festgestellt haben: Vor allem in ländlichen Gebieten kennen Frauen die rechtlichen Möglichkeiten nicht, welche ihnen das Friedensabkommen bietet. Ausserdem mangelt es ihnen an Ressourcen und Netzwerken, um ihre Rechte in gemeinsamer Advocacy-Arbeit einzufordern. Indigene, kleinbäuerliche und afrokolumbianische Frauen und mestizas sind grösstenteils ausgeschlossen. 

Die FrauenFriedensTische (FFTs) wurden in Städten und in abgelegenen Gebieten durchgeführt. In diesen geschützten Räumen arbeiteten Frauen ihre Erfahrungen von Gewalt und Widerstand auf und formulierten als Kollektiv Forderungen und Strategien für eine neue Gesellschaftsordnung. Mitarbeiterinnen der Wahrheitskommission waren anwesend, um die testimonios der Frauen aufzuzeichnen, die dazu bereit waren, über ihre Erfahrungen aus dem Krieg zu sprechen. So wurden sie Teil der offiziellen Berichte der Kommission und somit der kolumbianischen Geschichte.

Das Erreichte schützen

Das Mandat der Wahrheitskommission endete im Juli 2022 mit der Einreichung verschiedener Berichte. Darunter auch der Bericht «Mi cuerpo es la verdad» («Mein Körper ist die Wahrheit») zu den Erfahrungen von Frauen und LGBTIQ-Menschen während des Konflikts, zu dem wir gemeinsam mit unseren Partnerinnen einen Beitrag leisten konnten. Nun gilt es, das Erreichte zu schützen und die Anliegen der Zivilgesellschaft, insbesondere der Frauenorganisationen, in den Prozessen der Konflikttransformation zu fördern.

Die FFT dienen weiter dem Ziel, dass Frauen aktiv Konflikttransformations- und Friedensförderungsprozesse mitgestalten und zu einem Frieden beitragen, der strukturelle Gewalt reduziert. 

Wichtiger Bestandteil der ersten Projektphase bis Mitte 2021 war ein Wissensaustausch zwischen den Partner:innen in Kolumbien, Nepal und den Philippinen, der 2019 mit einem ersten Face-to-Face-Treffen begann und 2021 mit der gemeinsamen Erarbeitung der Publikation «From transition to transformation: strengthening women’s effective participation in peacebuilding and transitional justice processes» einen Zwischenabschluss fand. Dieser Wissensaustausch wird im Projekt «From exchange to change» weitergeführt.