Unsere Gründerin und Präsidentin Ruth-Gaby Vermot ist im Mai 2026 zurückgetreten. Über Jahrzehnte setzte sich für die Sichtbarkeit der meist unterbewerteten Arbeit von Frauen in von Krieg und bewaffneten Konflikten betroffenen Ländern ein. Ihre mutige Vision, 1000 Frauen aus der ganzen Welt als Kollektiv für den Friedensnobelpreis 2005 zu nominieren, lebt in unserer Zusammenarbeit mit Frauen und feministischen Aktivist:innen in unseren Programmen und im Netzwerk Feminists Connecting for Peace weiter. Im Interview mit unserer Mitarbeiterin Larissa Mina Lee spricht sie über Erfolge, Rückschläge und Hoffnungen.
Liebe Gaby, wir befinden uns hier in unserem Büro an der Weissensteinstrasse, das wir vor gut einem Jahr zusammen eingeweiht haben. Welche anderen Orte auf deinem Weg mit den «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005» und PeaceWomen Across the Globe (PWAG), haben für dich eine besondere Bedeutung?
Die Orte, die mich motivierten, die Initiative «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005» zu lancieren, waren eher Unorte. Und auch die Nachfolgeorganisation PeaceWomen Across the Globe ist an verschiedenen Unorten dieser Welt tätig. Da, wo Friedensprozesse nie stattgefunden haben, wo Friedensabkommen nie oder nur ungenügend umgesetzt worden sind, wo Kriegsverbrecher die Geschicke eines Landes führen, als ob sie dazu berechtigt wären, und da wo die Kriegstoten noch immer nicht gefunden und würdig begraben worden sind.
Auch Flüchtlingslager sind Unorte. In denen, die ich als National- und Europarätin im Auftrag der Flüchtlingskommission besucht habe, begegnete ich immer Frauen, die mich mit ihrer selbstverständlichen und nie endenden Sorgearbeit motivierten, die Initiative überhaupt zu denken. Diese «motivierenden» Unorte – ein Widerspruch – waren Aserbaidschan, Armenien, Georgien, Tschetschenien, Bosnien, Kosovo, Serbien. Regionen, die in den 1990er und frühen 2000er Jahren von Kriegen zerstört wurden. Dort traf ich Frauen, die unter miserablen Bedingungen mit ihren Familien auf sumpfigen Böden, in ungeheizten Wohnwagen oder Blechhütten lebten. Ihnen fehlte es an Essen und Wasser, von den Regierungen waren sie vergessen. Wie die Frauen an diesen Unorten mit viel Mut – und wohl oft auch Wut – für das Überleben ihrer Kinder und der Menschen in den Lagern überhaupt sorgten und wie viel sie mit ihrer ungeteilten Fürsorge erreichten, hat mich tief beeindruckt.
Fällt dir ein konkretes Beispiel dieser Care-Arbeit ein?
Ein eindrückliches Beispiel, wie Sorgearbeit in Kriegszeiten wahrgenommen wird, erlebte ich in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny. Als ich in einem halb-zerstörten Haus mit den Bewohnerinnen über ihre schwierigen Lebensbedingungen sprechen wollte, waren sie sehr verwundert. Danach hatte sie noch niemand gefragt, obschon es offensichtlich war, dass diese Frauen sich grossen Gefahren aussetzten, wenn sie nach Medikamenten, nach Milch oder Brot rannten. Dass sie die Verantwortung übernahmen für die Menschen, sich um die Verletzten sorgten, sich um verlorene Kinder und kranke Alte kümmerten, interessierte sichtlich niemand. Die scheinbar wertlose Sorgearbeit aufzuwerten, sie sichtbar zu machen, in den politischen Diskurs einzuschleusen, waren die wichtigsten Ziele unserer Friedensinitiative.
Was waren Orte der Inspiration für dich?
Ein inspirierender Ort war der Europarat, die Organisation für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in Europa. Als die Idee, 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis zu nominieren Flügel bekam, nutzte ich als Delegierte meine Beziehungen dort, wo sich Parlamentarier:innen aus 46 Ländern, Diplomat:innen, Fachpersonen und protestierende oder bittstellende Organisationen begegnen. Ich sprach mit allen, die es hören wollten – oder auch nicht – über unser Friedensprojekt. Die Idee war neu und regte an mitzudenken. Viele Parlamentarierinnen waren nach ausführlicher Diskussion unserer Kriterien bereit, Frauen aus ihren Ländern für die Nominierung vorzuschlagen.
Auch Zürich zeigte sich als guter Ort. Hier konnten wir zum ersten Mal unsere Ausstellung «Gesichter des Friedens» eröffnen, in Anwesenheit aller an der Initiative beteiligten Koordinatorinnen, Vorständinnen, Übersetzer:innen, Geldgeber:innen und dank der massgeblichen Hilfe der Zürcher Stadtregierung. Alle 1000 nominierten Frauen erhielten damals als Dank das Buch «PeaceWomen Across the Globe», das mit 2’200 Seiten auf Bibelpapier gedruckt wurde. Fast täglich erreichten uns Medienberichte und Hinweise über die Ausstellung, die lokale Frauenorganisationen auf der ganzen Welt hunderte Male zeigten. Dort sprachen sie mit vielen Menschen über ihre konkrete Friedensarbeit und die eng damit verbundene Sorgearbeit in Kriegszeiten. Und immer war klar: In Friedens- aber auch in Kriegszeiten geht ohne Frauen nichts – sie sind die Handelnden, die Macherinnen, die Strukturen, Hoffnung und Zuversicht aufrechterhalten, und die trotz Gewalt, Zerstörung und Leid das Alltagsleben von Kriegsbetroffenen neu erfinden.
Frauen sind die Handelnden, die Strukturen, Hoffnung und Zuversicht aufrechterhalten (...) und das Alltagsleben von Kriegsbetroffenen neu erfinden.
Die UNO als Friedensort ermöglichte uns 2015, die speziell für uns kuratierte Ausstellung «No women – no peace» direkt vor den Toren des Sicherheitsrates zu zeigen. Gemeinsam mit nominierten FriedensFrauen organisierten wir Diskussionen mit den Mitgliedern des Sicherheitsrats und dem damaligen Präsidenten der UN-Vollversammlung, Altbundesrat Joseph Deiss, über Friedensprozesse und die Rolle von Frauen.
Ein guter Ort war auch unser winziges Büro in Bern, in dem wir – die Koordinatorinnen aus 15 Weltregionen, der Vorstand und viele Unterstützer:innen – während drei Jahren hart gearbeitet, uns mit Medien getroffen und mit Geldproblemen herumgeschlagen haben. Von hier wurde der Brief mit den 1000 Nominationen weggeschickt, feierlich unterschrieben von der damaligen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey. Dicht gedrängt und in höchster Spannung, warteten wir am 10. Dezember 2005 mit all jenen, die sich digital dazu schalten konnten, und mit viel Medienbegleitung auf die Information der Nobeljury aus Oslo. Der Friedennobelpreis 2005 ging an den Direktor der IAEA, die Internationale Atomenergiebehörde der UNO, Mohamed El Baradai. Nicht an die mutigen 1000 Frauen!
Wie habt ihr auf diese Enttäuschung reagiert?
Auch wenn wir wussten, dass wir mit 1000 Frauen und einem breiten Friedenskonzept die Nobelpreis-Jury völlig überfordert hatten, waren wir enttäuscht und frustriert. Einige Monate schwankten wir zwischen Aufhören und Weiterarbeiten. Da uns bewusst war, dass Friedensarbeit langwierig und nur über den Dialog und die Vernetzung mit Frauen aus vielen Ländern möglich ist, beschlossen wir – das Team der Koordinatorinnen weltweit und der Vorstand – aus unserem Tief herauszukriechen und weiterzuarbeiten, unterstützt von zugeneigten Menschen und Fachfrauen in Friedensfragen.
Bern war dann der richtige Ort, um vieles zu bereinigen, die Organisation neu aufzustellen und unsere grösste Herausforderung anzupacken, nämlich die Friedensarbeit zusammen mit Expertinnen und Kämpferinnen in bestimmten Ländern aufzugleisen. Wir definierten, was Frieden beinhaltet, wie Friedensprozesse ablaufen und welche Themen und Rollen sich die Frauen aneignen müssen, um nicht mehr Ausgeschlossene, sondern Beteiligte zu sein. In Gesprächen mit Fachfrauen und Wissenschafter:innen, an Treffen mit Friedensengagierten und Politiker:innen setzten wir uns mit dem vielfältigen Thema Frieden auseinander. Die Resolution 1325 zu «Frauen, Frieden und Sicherheit», die der UN-Sicherheitsrat im Jahr 2000 einstimmig verabschiedete, gab uns bei allen kritischen Fragen einen Kompass.
Was war die grösste Herausforderung?
Die grössten Schwierigkeiten bereitete uns die Finanzierung – seit der Gründung bis heute. Das war ein ständiger Kampf. Meine Mutter sang uns fünf Geschwistern, als wir klein waren und wegen irgendwelchen Dingen verzweifelten, immer wieder dasselbe Lied vor: «Und wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her …». Die Melodie tauchte in verzweifelten Momenten auf. Offenbar machen Mütterlieder Hoffnung! Immer wieder trafen wir bei der Suche nach langfristiger Finanzierung denn auch auf Menschen, die unserer Friedensarbeit wohlgesinnt waren. Es waren nicht Goldbarren, die da glänzten, aber es war solides Geld, das uns immer wieder erlaubte, weiterzuarbeiten. Wir nutzten Frauen-Netzwerke, organisierten Konferenzen, führten FriedensTische durch und zeigten die Ausstellungen in Kriegsgebieten und zahllosen weiteren Orten und sprachen immer wieder über Frieden!
Nach zwanzig Jahren als Präsidentin von PeaceWomen Across the Globe trittst du zurück. Abgesehen von diesem Jubiläum und einer bemerkenswert langen Zeit in diesem Amt, warum ist dies der richtige Zeitpunkt?
Ja, ich gebe jetzt das Präsidium aus der Hand. Das ist nicht einfach und macht mich auch traurig, denn ich bin sehr verbunden mit der Geschichte und den Frauen der Organisation. Der jetzige Zeitpunkt ist jedoch richtig. Wir haben ein wunderbares Team und ich habe grossen Respekt vor der Arbeit, die hier geleistet wird. Viel ist in Bewegung, auch in den Ländern in denen wir mit unseren Programmpartner:innen zusammenarbeiten, in der Ukraine, Kolumbien, in Nepal, im Sudan und anderswo. Eine meiner wichtigsten Forderungen, PWAG nicht nur in der Schweiz zu verankern, sondern auch in Ländern mit Partner:innenorganisationen, wurde mit der Eröffnung eines PWAG-Büros in Kolumbien realisiert. Dort verbringt dieses Jahr eine jüngere Mitarbeiterin aus dem Büro in Bern mehrere Monate, um die Sicht- und Arbeitsweise der kolumbianischen Partner:innen kennenzulernen und die zwei Kolleginnen in Bogota zu unterstützen.
Es ist auch der richtige Zeitpunkt, weil mich unsere aktuelle Finanzlage zuversichtlich stimmt, dass unsere Friedensarbeit auch in Zukunft von einer verständnisvollen und grosszügigen Spender:innengemeinschaft finanziert wird. In den letzten Jahren wurden viele richtungsweisende Grundlagen sowohl für die interne Arbeit als auch für die Zusammenarbeit mit unseren Partner:innen erarbeitet und wir haben eine neue Strategie entwickelt. Die Suche nach meiner Nachfolgerin läuft. Ausserdem erlebe ich in der Öffentlichkeit immer wieder viel Respekt für unsere Arbeit. Ja, wir haben gerade eine gute Ausgangslage für eine Übergabe.
Du klingst sehr zuversichtlich.
Mein Rücktritt ist auch mit einer Mischung aus Erleichterung, Wehmut und grosser Sorge verbunden. Nicht um die Organisation, sondern um das, was gerade in der Welt von einigen gewalttätigen, menschenverachtenden Staatsmännern angerichtet wird. Mit ihren Kriegen, die aus purer Machtgier angezettelt werden und mit neuen hocheffizienten Waffensystemen geführt werden. Leidtragend ist die Zivilgesellschaft, die ungefragt in Kriege verwickelt wird und sinnlose Verluste erleiden muss. Ich sehe auch, wie bei uns in der Schweiz die Armee wie ein Riesenstaubsauger die Gelder aus anderen Departementen absaugt – unter der falschen Logik, dass nur ein militärisch hoch aufgerüstetes Land seinen Einwohner:innen eine umfassende Sicherheit bieten kann. Aufrüstung, Militarisierung, Einsatzbereitschaft gegen diverse Feinde sind die Forderungen der Stunde. Damit schürt man die Angst der Bevölkerung und kann mit Zustimmung zu Aufrüstung und Militarisierung rechnen.
Sorge macht mir, dass von Frieden nicht die Rede ist, dass Frieden sogar ein Unwort geworden ist.
Sorge macht mir, dass von Frieden nicht die Rede ist, dass Frieden sogar ein Unwort geworden ist. Der Zivildienst in der Schweiz für Menschen, die kein Militär leisten wollen, soll gleichzeitig erschwert werden, um den «Bestand» der Armee zu erhöhen. Wie oft habe ich in Kriegsländern Frauen gesehen, die ihre Kinder in Särgen, geschmückt mit der Landesfahne, zurückerhalten haben mit der Versicherung, dass ihre Söhne den Heldentod gestorben seien. Diese Trauer, diese Verzweiflung um diese nutzlosen Tode treiben mich um!
Ich frage mich, wie wir bei all diesen bedrohlichen Entwicklungen Frieden in aller Konsequenz weiterdenken und verhandeln können? Aber letztlich bleibe ich vorsichtig zuversichtlich und hoffnungsvoll, trotz all den aktuellen misslichen, geopolitischen Entwicklungen, trotz wachsenden rechtsextremistischen Forderungen und rassistischer Verachtung, die Menschen, Demokratien und dem Glauben an internationale Vereinbarungen wie das Völker- und die Menschenrechte Schaden zufügen. Ich bleibe hoffnungsvoll, dass viele Menschen und Organisation gemeinsam diese versehrte Welt wider alle Zweifel zum Frieden bewegen können.
Sowohl in der Programmarbeit mit unseren Partner:innen, als auch innerhalb des Netzwerks, des Teams und des Vorstands von PWAG beschäftigen wir uns mit intergenerationellen Ansätzen für eine nachhaltige Friedensarbeit. Auch deine Stabübergabe und der Rücktritt verschiedener Vorstandsmitglieder ist ein Prozess, den du und verschiedene Menschen generationenübergreifend und mit viel Sorgfalt angehen.
Ich weiss, dass es auch viele junge Frauen gibt, die sich engagieren, sich einmischen und mitdenken – unter unseren Partner:innen, aber auch hier in der Schweiz. Die intergenerationelle Zusammenarbeit ist für mich eine der Grundlagen für die Weiterentwicklung unserer feministischen Organisation. Wir wissen auch, dass Friedensprozesse Jahre, leider oft Jahrzehnte dauern. Es gibt Fortschritte und auch immer wieder Rückschritte, wenn Kriege erneut ausbrechen, wenn die ausgehandelten und vereinbarten Forderungen nicht umgesetzt werden. Friedensarbeit braucht einen langen Atem und viel Zeit.
Eine Herausforderung ist, dass junge Frauen ja meist mitten in der eigenen Lebensplanung stecken, was Energie und Zeit fordert. Es braucht daher eine gewisse Sorgfalt und Verständnis für die unterschiedlichen «Lebensstandorte» und Entwicklungen damit sich nicht Frustrationen und Überforderungen einschleichen, welche die Freude an der intergenerationellen Friedensarbeit verdirbt. Aber Sorgfalt ist unabdingbar: Wir können nicht für den Frieden arbeiten und uns gegenseitig ausgrenzen.
Du hast mal gesagt: «Sicherheit ist immer fragil und zerbrechlich!» Tatsächlich ist das etwas, das auch Staats- und Armeechefs momentan sehr häufig sagen und damit zur Aufrüstung aufrufen. Ich weiss, dass du ganz andere Schlussfolgerungen ziehst, wenn du sagst, dass Sicherheit immer fragil und zerbrechlich ist. Was in deiner eigenen Biografie hat dein Wissen und dein Verständnis von Sicherheit geprägt?
In meiner Kindheit und während meiner Jugend war das Thema Sicherheit rückblickend für mich ein wichtiges, wenn auch diffuses Thema. Ich hatte zwar ein Dach über dem Kopf, Eltern, die für mich und meine Geschwister sorgten, ich konnte zur Schule gehen und hatte genug zu Essen. Meine Mutter war zudem eine sehr starke und politische Frau, die bedingungslos und manchmal auch gnadenlos hinter uns stand. Aber trotz allem waren wir Kriegs- bzw. Nachkriegskinder. Auch wenn sich die Schweiz mit Waffen- bzw. Goldhandel, der Ausgrenzung jüdischer Geflüchteten und «guten Diensten» für die Nazis dem Krieg entzog.
Meine Eltern waren Taglöhner, häufig arbeitslos. Meine Mutter tauschte mit anderen Müttern Lebensmittelkarten, mal gegen Öl oder Milch, mal gegen Reis oder Schokolade. Armut begleitete mich und meine Familie durch meine ganze Kindheit. Armut verunsichert und zerstört oft Stolz und Lebenshunger. Ich habe bis heute das Gefühl, dass meine Sicherheit immer wieder in die Brüche geht und ich gezwungen bin, diese Bruchstücke wieder zu einem soliden Sicherheitsempfinden zusammenzubauen. Daran ändert die Gewissheit, dass ich eine bemerkenswerte Karriere gemacht habe, nichts!
Also die Frage: «Was macht uns sicher?»
Diese Frage bekam in Gesprächen mit Frauen in Kriegsgebieten immer mehr Gewicht. Es sind niemals die grossen Sicherheitsdispositive und Waffenarsenale der Armeen und Kriegsherren, die Sicherheit vermitteln. Auch wenn dies heute mantramässig von der Waffenlobby behauptet wird. Das Gegenteil ist wahr: Bewaffnete Sicherheit zermürbt Menschen, macht sie misstrauisch und zerstört das Vertrauen in eine friedliche Zukunft. Gespräche mit ukrainischen Frauen in unserem Netzwerk zeigen, dass nicht Waffen Sicherheit schaffen, sondern Dinge des täglichen Lebens: die Rente, die kommt, das Gesundheitswesen, das funktioniert, die Schulen, die trotz Krieg geöffnet sind, eine verlässliche Müllabfuhr oder erreichbare Lebensmittelmärkte und intakte Wohnmöglichkeiten. So lebt sich Sicherheit. Und um eine minimale Lebensqualität in Krieg zu ermöglichen, übernehmen Frauen die alltägliche Sorgearbeit. Sie investieren damit auch in gefährlichen Zeiten ins Leben und nicht in die Zerstörung. Dasselbe gilt für Friedenszeiten: nicht Waffen nähren den Zusammenhalt der Menschen, sondern die alltägliche, angstfreie, vertraute Versorgung und gesellschaftliche Zugehörigkeit.
20 Jahre Präsidentin von PWAG, mit Erfolgen aber auch Rückschlägen, Sorgen und Unsicherheiten entlang des Weges. Was und wer hat dir in diesen Momenten den Rücken gestärkt?
Am Anfang der «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005»-Initiative arbeiteten wir mit sehr vielen unterschiedlichen Frauen zusammen. Da waren die Koordinatorinnen aus aller Welt, die gemeinsam mit dem Kernteam und dem Vorstand in Bern für die Kriterien der zu nominierenden Frauen und die Nominationen zuständig waren. Da waren unzählige freiwillige Übersetzer:innen, weil wir uns in etwa zehn verschiedenen Sprachen verständigen mussten. Da waren die Menschen weltweit, die die Frauen nominierten. Da war das Film-Team von «Frauen und ein Traum», die Ausstellungsmacher:innen, die fantasievoll die 1000 Karten mit den Gesichtern der 1000 FriedensFrauen ausstellten und jene, die Veranstaltungen, FriedensTische und Konferenzen organisierten. Wir waren eine ganze lebendige Welt. Dabei waren wir noch nicht so vernetzt wie heute. Es gab gerade mal das Fax-Gerät, manchmal Mail- oder Skype-Zugang. Unvergesslich ist die Nomination von den Solomoninseln im Pazifik per Telefon, weil die Frauen dort noch kein Internet hatten. Und trotzdem hat es geklappt. Ein paar Mal wollten wir allerdings aufgeben, weil die Finanzen fehlten, die Nominationen nur langsam eintrafen, Konflikte unter diesen unterschiedlichen Frauen ausbrachen, oder weil die Termine schon fast verpasst waren – Missverständnisse und kleinere «Kriege» eben. Aber es gab immer Menschen, die uns Mut machten.
Auch, um weiterzumachen, nachdem die Frauen den Friedensnobelpreis nicht erhielten?
Wir erlebten viel Unterstützung in den Phasen der Neuorientierung, was uns in unserer Arbeit bestärkte, und die Weiterarbeit sicherte. Wir merkten sehr rasch, dass das Spektakuläre der Nomination der 1000 Frauen wegfiel und das öffentliche Interesse abflaute. Wir mussten einen Neuanfang schaffen und Friedensarbeit nochmals neu definieren. Wir mussten uns klar werden über neue Ziele und Inhalte, auch wenn die Friedensarbeit nie infrage gestellt wurde. Wir überlegten uns, wie wir uns organisieren und mit welchen Frauen und Partner:innen wir zusammenarbeiten. Wir schrieben Papiere, diskutierten, verwarfen Ideen. Es waren kreative Zeiten mit schwierigen Phasen. Hilfreich waren aber immer auch Geldgeber:innen, Mitarbeiterinnen und FriedensFrauen, die uns ein Stück des Weges intensiv begleiteten und mit neuen Programmvorschlägen, Themen und Methoden halfen, Klippen zu überwinden.
Als du 2003 die Initiative für die «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005» gestartet hast, und dann 2006 bei der Gründung von PWAG, hattest du konkrete Hoffnungen und Ziele. Wenn du eine positive Überraschung oder einen Erfolg, auf den du besonders stolz bist, aufzählen müsstest, welche wären das?
Das Buch «1000 PeaceWomen Across the Globe», der Film «1000 Frauen und ein Traum» und die Ausstellungen zu den «Gesichtern des Friedens»: Das hat alles zusammengepasst und waren grosse Highlights. Dass die Frauen den Friedensnobelpreis nicht erhielten, war eine Enttäuschung. Dass wir gemeinsam mit vielen Menschen weltweit und dem grossen Netzwerk der 1000 nominierten Frauen ein tolles Gesamtkunstwerk geschaffen haben, ist ein Erfolg. Ein Highlight sind für mich auch die zahlreichen Preise, mit denen wir geehrt wurden, und die meist positive Medienberichterstattung über die Initiative. Dazu kommt viel Wertschätzung und Aufmerksamkeit, die ich auch heute noch erlebe.
Auch die Jahre der Suche nach der richtigen Richtung in der Friedensarbeit war immer wieder voller guter Überraschungen: Unerwartete Besuche von FriedensFrauen, die Teilnahme an Veranstaltungen zu Frieden und Gerechtigkeit, nominierte Friedensaktivistinnen, die uns mitteilten, wie viel Schutz ihnen die Nomination bot, ganze Familien, die sich gegenseitig unsere 1000-fränkige Friedensaktie zu Ostern schenkten, Einladungen für Referate und Diskussionen zu Friedensarbeit, Anfragen für Beratungen in politischen Kommissionen. All dies war gut für unser kollektives Selbstbewusstsein und selbstverständlich gut für die Entwicklungen unserer Organisation.
Sticht ein Highlight besonders hervor?
Ich hab’s sonst eigentlich nicht so mit Highlights. Wenn wir nur den Erfolg wahrnehmen, gehen die Wege und die damit verbundenen Erfahrungen leicht verloren. Dabei sind gerade diese meist viel aussagekräftiger. Ich bin aber megastolz, dass wir nach all den Jahren der harten Arbeit, des Geldmangels, der Orientierungs- und Personalprobleme und der Innovationslücken – immer auch mit positiven Zwischenhochs – eine feministische Friedenorganisation geworden sind. Eine Frauenorganisation, die sich mit Partner:innen und einem bemerkenswerten Netzwerk mit einem der weltweit komplexesten und schwierigsten Themen auseinandersetzt: mit Frieden und Friedensprozessen. Wir haben Stagnation und auch Umwege bei der Entwicklung tatsächlicher feministischer Friedensarbeit durchgestanden, haben dekoloniale Ansätze diskutiert, unsere Arbeit nach versteckten Formen der Diskriminierung überprüft und auch immer wieder Fortschritte und Klarheit erzielt. Darauf bin ich stolz.
Das ist für mich das Highlight meines Lebens als Politikerin. Aber ausruhen können wir nicht...
Mit unseren Partner:innen in den Programmen und im Netzwerk Feminists Connecting for Peace gestalten wir Friedensprozesse aus Sicht von Frauen und der Zivilbevölkerung in all ihren Phasen mit. Wir kämpfen mit Wissen, durchdachten Forderungen und politischem Druck dafür, dass Frauen, die heute noch immer von der massgeblichen Teilnahme an Friedensgesprächen ausgegrenzt werden, endlich als gleichwertige, auf Augenhöhe verhandelnde Partnerinnen ernstgenommen und in allen Phasen von Friedensprozesse einbezogen werden, auch wenn der Weg noch weit ist und die Realität noch nicht befriedigend. Ich freue mich auch, dass PWAG heute stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ich bedanke mich beim Team, dem Vorstand und bei unseren Partnerinnen und Netzwerkfrauen, mit denen wir die Friedensarbeit stemmen, für diese ganz grosse Arbeit. Das ist für mich das Highlight meines Lebens als Politikerin.
Aber ausruhen können wir nicht, gerade in der aktuellen Situation, wo die Politik weltweit sehr weit weg ist von wirksamen und kriegsverhindernden Friedenskonzepten. Es gibt weder in Regierungen noch in den Parlamenten eine Sprache für Frieden – wohl aber die Sprache für Kriege und Gewalt. Wir müssen alles daransetzen, die Sprache des Friedens, des Dialogs, der Zuhörens und Verstehens mit grosser Eindringlichkeit einzufordern, gemeinsam mit vielen Verbündeten, denn allein kann Frieden nicht gelingen.
Bern, im April 2026
Weitere Informationen und Interviews
Informationen zur Geschichte der Initiative und zum Netzwerk der 1000 FriedensFrauen und zum heutigen Netzwerk Feminists Connecting for Peace.
Interview mit Ruth-Gaby Vermot: «Friedensförderung ist politische Arbeit» (2023)
Podcast mit Ruth-Gaby Vermot: «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis» (2020)
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