«Ukraine-Gespräche», «Friedensverhandlungen», «von den USA vermittelte Friedensgespräche»: Seit Wochen berichten die Medien über den sogenannten «Friedensprozess» für die Ukraine unter der Führung der Vereinigten Staaten. Die Berichterstattung ignoriert weitgehend, ob solche Verhandlungen überhaupt wirksam sein können. Sie geht auch nicht auf die Kernfrage ein: Wer entscheidet über die Zukunft der Ukraine?
Ein Schnellverfahren, das darauf abzielt, möglichst schnell ein Friedensabkommen zu unterzeichnen und bewaffnete Gewalt zu beenden, schafft keinen dauerhaften Frieden.
Die Berichterstattung über die «Friedensverhandlungen» für die Ukraine fokussiert haupt-sächlich auf die diplomatischen Prozesse. Sie ignoriert die durch Fakten* belegte Erkenntnis, dass dauerhafter Frieden nur durch einen sozialen Prozess erreicht werden kann. Dieser er-fordert konsequente tägliche Anstrengungen, politischen Willen und die Einbindung eines brei-ten Spektrums zivilgesellschaftlicher Akteur:innen. Dies sind die wesentlichen Faktoren für dauerhaften Frieden.
Frieden bedeutet nicht nur, einen Krieg zu beenden
Denn Frieden bedeutet nicht nur, einen Krieg zu beenden. Dauerhafter Frieden hat langfristige Ziele: menschenwürdiger Lebensbedingungen für alle Menschen fördern, die direkter Gewalt und struktureller Ungleichheit beseitigen, echte Sicherheit für alle schaffen, einschliesslich wirtschaftlicher Sicherheit, politische Teilhabe, Zugang zu Ressourcen und die Achtung der Menschenrechte.
In der Ukraine tragen Frauen die Bürden des Krieges, während Männer den Preis dafür zahlen, an der Front zu kämpfen. Während einige ukrainische Frauen zum Militär gegangen sind (70.000 im Jahr 2025), reagieren viele auf die dringenden Bedürfnisse ihrer Gemeinden. Sie schaffen Hilfsnetzwerke, bauen Unterkünfte und leisten psychosoziale Hilfe. Bewusst oder unbewusst tragen auch sie zum Frieden bei. Jeden Tag.
Die Frauen zeigen, woraus Friedensarbeit an der Basis besteht:
Räume für Dialog und Reflexion schaffen,
ihre Netzwerke nutzen, um Vertriebene zu unterstützen,
Zeugenaussagen zu sammeln,
kriegsbedingte Gewalt und Verbrechen zu dokumentieren
den Bedürfnissen der unmittelbar vom Krieg betroffenen Gemeinden zuzuhören und darauf zu reagieren.
Die Aufmerksamkeit nur auf die hochrangigen Friedensverhandlungen zu richten, bei denen die Machthaber untereinander sprechen, lässt die Bedürfnisse und Forderungen der Gemeinschaften ausser Acht. Die wichtige Rolle, die Frauen beim Aufbau des Friedens abseits des Rampenlichts der Verhandlungen in Abu Dhabi oder Genf spielen, wird ignoriert. So werden ihre Stimmen automatisch aus den Gesprächen über die Zukunft der Ukraine ausgeschlossen.
Eigenen Friedensdiskurs und Strategien entwickeln
Im Rahmen unseres mehrjährigen Ukraine-Programms arbeiten unsere ukrainischen Verbündeten daran, das Bewusstsein für dieses Thema zu schärfen. Sie schaffen Räume für den Dialog, in denen Frauen und Feministinnen, die sich für den Frieden engagieren – ob im Exil, als Vertriebene oder in frontnahen Gebieten –, darüber nachdenken können, was Frieden für sie bedeutet. Sie entwickeln ihren eigenen Diskurs über Frieden sowie Strategien, um vorherrschenden Narrativen entgegenzuwirken. Seit 2025 haben fast 1.600 Menschen aus 13 Regionen der Ukraine an Veranstaltungen teilgenommen, die von einem Netzwerk verbündeter Organisationen organisiert wurden. Über mehrere Monate hinweg konnten sie dort – viele von ihnen zum ersten Mal – über ihre Hoffnungen und Ängste für die Zukunft ihres Landes sprechen.
Dies ist ein entscheidender Schritt, um Worte, Narrative und Konzepte zurückzugewinnen, die allzu oft von (geo-)politischen Interessen missbraucht werden. Wie eine Teilnehmerin aus der Region Sumy sagte: «Es geht nicht um äusseren Frieden, sondern um einen Prozess inner-halb der Gesellschaft, den wir für uns selbst schaffen wollen. Wir müssen unsere Gesellschaft durch Friedensförderung wiederaufbauen.»
* Krause, J., Krause, W., & Bränfors, P. (2018). Women’s Participation in Peace Negotiations and the Durability of Peace. International Interactions, 44(6), 985–1016.